"Westfalen-Katastrophe"
Die "Westfalen-Katastrophe" war das schlimmste Einzelereignis, das die Widerstandsbewegung im Landesteil Sörlandet gerammt hat und gleichzeitig das stärkste verglichen mit der Tragödie von „Tromösund". Fünfzehn Leute aus dem Sörlandet verloren ihr Leben.
Eine gewisse Zeit, nachdem die Sipo die „Ramfjord-Sache" abgeschlossen hatte, witterte die Gestapo, dass in Kristiansand eine zivile Widerstandsbewegung existierte. Diese operierte mit Parolen, Flugblättern, illegalen Schriften, Flüchtlingshilfe usw. Diese Informationen führten dazu, dass bei der Sicherheitspolizei voller Alarm ausgelöst wurde.
Am 19. Januar 1944 wurde Frau Thorborg Collin und ihr Mann Fredrik Christian verhaftet. Am 27. Januar startete die Sipo eine Grossaktion gegen die verschiedenen Gruppierungen der zivilen Widerstandsbewegung. Eine der Institutionen, die kräftig darunter gelitten hat, war die Kristiansand Volksbücherei. Alles in allem wurden ca. 40 Personen festgenommen. Von diesen wurden mehrere nach Deutschland transportiert.
In gewissem Grad waren die Verhaftungen im Umfang begrenzt, da mehrere der profilierten Mitarbeiter fliehen konnten. Es drehte sich dabei um Monteur Karl Rosenlöv, Ingenieur F. K. Trovaag und Lehrer Nils Hodnestad.
Ole Wehus war einer derjenigen, der eine Reihe der Verhafteten in dieser Aktion misshandelte. Einer der Verhafteten war Malermeister Thoralf Hultmann aus Kristiansand. Er war einer der eifrigsten Stützen in der Rosenlövgruppe. Hultmann wurde grober Tortur ausgesetzt. Besonders hart wurde er im „Arkivet" von Wehus „unter die Fittiche" genommen.
Über den Umfang der Tortur weiss man nichts Genaues, da er einer der vielen aus dem Sörlandet war, der beim Verliess des deutschen Gefangenenschiffes „Westfalen" ums Leben kam. Von Friseurmeister Willy Bay-Nilsen erhielt man nach dem Krieg Informationen, die gewisse Aufschlüsse gaben. Der unerschrockene Friseurmeister versuchte zuerst mit Thoralf Hultmann im Arkiv in Verbindung zu kommen; es erwies sich aber, dass dieser schon in das Kristiansand Kreisgefängnis überführt worden war.
Durch eine grosse Portion Frechheit gelang es Bay-Nilsen, Kontakt mit Hultmann im Kreisgefängnis aufzunehmen. Er bluffte den Gefangenenwärter damit, dass er angeblich Erlaubnis von der Gestapo hatte, Hultmann und den anderen Gefangenen in der Zelle die Haare zu schneiden. Bay-Nilsen erhielt daraufhin für zwei Stunden Zugang zur Zelle. Ausser Hultmann schnitt er Haakon Zahl und seinem Bruder, Furnierarbeiter Jens Norman Zahl, weiter Faktor Johan Ödegard, Adjunkt Egil Sande Andersen und Fabrikarbeiter Randulf Fjermeros die Haare.
Sämtliche waren während der Haft im Arkiv auf grobe Weise gefoltert worden.
Würde nicht lebend davonkommen
Im Gerichtsverfahren nach der Befreiung gegen Staatspolizist Ole Wehus, gab Aktor, Staatsadvokat Otto Hafting, einen Auszug aus der polizeilichen Erklärung von Friseurmeister Willy Bay-Nilsen wieder. Dieser lautete:
„Hultmann erzählte, dass Ole Wehus mit dabei war ihn zu misshandeln und, dass er so grober Tortur ausgesetzt wurde, dass er nicht damit rechnete lebend wieder aus dem Arkiv herauszukommen. Zeitweise wurde den Wächtern befohlen, jede 5. Minute nach ihm zu sehen, weil man damit rechnete, dass er wann auch immer sterben könnte.
Thoralf Hultmann hatte Friseurmeister Willy Bay-Nilsen seinen nackten Körper gezeigt. Von den Nackenwirbeln und bis hinunter zu den Knien war er blauschwarz. Ausserdem hatte er tiefe Wunden von den Handschellen an den Handgelenken. Die, die an der Tortur teilgenommen hatten, waren Kerner, Wehus, Heinze und Lipicki; also vier der fünf brutalsten Gewalttäter im Arkivet.
Einmal war Hultmann in Ohnmacht gefallen. Wehus stand da und trat hart auf seine Finger. Als Hultmann wieder zu sich kam, stiess Wehus hervor: - Der tut ja nur so! Die Tritte auf die Finger waren eigentlich das Grausamste von allem. Wehus war gleich versessen wie die anderen Gestapoleute. Hultmann erzählte, dass er zu unzähligen Verhören oben war."
Bay-Nilsen hatte auch Kontakt zu den anderen Gefangenen bekommen. Die erzählten auch grauenerregende Geschichten. Alle waren verschärftem Verhör ausgesetzt gewesen. Wehus hatte an der Tortur teilgenommen. Auch Jens Zahl nahm seine Kleider ab. - Er zeigte noch grausamere Spuren der Misshandlung als Hultmann, erzählte Friseurmeister Willy Bay-Nilsen.
Ole Wehus gestand seine Teilnahme an der Tortur der sechs Patrioten. Er räumte weiter ein, dass er an der Misshandlung von Ingenieur Erik Prestrud aus Mosby, der in gleicher Sache verhaftet worden war, beteiligt war. Auch er kam mit der „Westfalen" ums Leben.
Das Sörlandet litt besonders hart.
Die „Westfalen-Katastrophe" war, neben der „Tromösund-Tragödie", das schlimmste Einzelereignis, das die Widerstandsbewegung im Sörlandet besonders hart traf. Fünfzehn Widerstandsleute aus dem Sörlandet verloren ihr Leben. Von den Umgekommenen bei dem tragischen Verliess waren folgende aus den beiden Agder-Bezirken: Ingenieur Per Cold Kristensen, Kristiansand, Fabrikarbeiter Randulf Fjermeros, Kristiansand, Disponent Thor Haug, Kristiansand, Thoralf Hultmann, Kristiansand, die Brüder Haakon und Jens Zahl, Kristiansand, Faktor Johan Öydegard, Kristiansand, Reeder Gunnar Brövig, Farsund, Adjunkt Egil Sande Andersen, Vennesla, Bankchef David Vogt, Mandal, Ingenieur Erik Prestrud, Mosby, Ingenieur Erling Syvertsen, Farsund, Büroangestellter Erling Moi, Kvinesdal, Bauarbeiter Ragnvald Ugland, Evje und Advokat im Höchsten Gericht Tore Björn Ottersland, Arendal.
Ragnvald Ugland meisterte auf wundersame Weise, sich in Schweden an Land zu retten. Dazu muss auch Ingenieur Rolf Kristian Henriksen, obgleich er Oslo-Einwohner war, gerechnet werden. In Eigenschaft als Kurier wurde er, während eines Auftrages in Kristiansand, verhaftet.
Ein Arzt wollte Selbstmord begehen
Ein anderer, der im Kielwasser der „Ramfjord-Sache" verhaftet wurde, war Dr. Ludwig Theodor Wirsching aus Kristiansand. Auf Befehl von Kerner wurde er am 17. November 1943 von Ole Wehus verhaftet. Wirsching war Verbindungsmann zum Koordinationskomitee (KK) in Oslo. Im Arkiv wurde er aufs gröbste der Tortur ausgesetzt. Die Belastung war so stark, dass er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Er wurde aber ins Krankenhaus überführt. Sein Leben wurde somit gerettet. Ludwig Theodor Wirsching wurde in Grini/Mysen bis zum Kriegsende gefangen gehalten.
Weiterhin wurde ein anderer in dieser Sache verhaftet, nämlich der 58 Jahre alte Schulleiter Gustav Emil Selstad aus Flekkefjord. Er wurde am 28. Januar 1944 verhaftet, sofort ins Arkiv gebracht und von Hans Lipicki und Ole Wehus gefoltert. Zu Anfang wurde er unter der Führung von Wehus ungefähr zwei Stunden lang durch Schläge mit Stahltrosse und Gummiknüppel misshandelt.
Seine Arme wurden dann mit Handfesseln auf dem Rücken gefesselt. Danach wurde er in eine Zelle gelegt. Hier erhielt er ein hartes Lager und musste ohne Bettzeug liegen. Die ersten Tage bekam er nur Wasser und Brot. Ganze sechs Wochen lang lag er so ohne Abbruch mit den Armen auf dem Rücken gefesselt.
Den Rest des Krieges verbrachte er als Gefangener in Grini.
(PP)

