Schwangere Frau ausgepeitscht
Schwangere Frau ausgepeitscht
Die Brutalität der Gestapoleute beschränkte sich nicht nur auf die Misshandlung von männlichen Mitgliedern der Widerstandsbewegung. Die Kristiansandsdame Henriette Bie Lorentzen wurde am 30. Juni 1943 wegen illegaler Arbeit verhaftet. Sie wurde ins „Arkivet“ gebracht und grob gefoltert, obgleich sie im zweiten Monat schwanger war. Ihr Zustand verschonte sie aber nicht vor den inhumanen Methoden der Gestapoknechte.
Henriette Bie Lorentzen, mit doktorgrad in Literaturgeschichte, arbeitete bei Kriegsausbruch an der Nansen-Schule in Lillehammer. Die Schule wurde von den Deutschen sofort beslagnahmt. 1941 wurde ihr Mann, Öyvind Bie Lorentzen, als Studienrat bei der Kristiansand Kathedralschule angestellt. Darauf¬hin zog das Ehepaar in die Stadt im südlichen Sörlandet um.
Sie und ihr Mann wurden kurz darauf in illegale Arbeit engagiert. Dies geschah in Verbindung mit einer Lehrer- und Elternaktion. Gleichzeitig wurden sie mit in die Flüchtlingsarbeit einbezogen. Bei legalen Reisen nach Oslo besuchte Henriette Bie Lorentzen die Leitung der Lehrerfront und nahm Meldungen und Parolen mit zurück. Bei mehreren Anlässen nahm sie auch illegale Zeitungen entgegen und ab und zu auch Geld für den Unterhalt der illegalen Wirksamkeit.
Die Parolen wurden sofort vervielfältigt. Zusammen mit einem anderen fuhren sie mit dem Fahrrad aus und legten sie in die Postkästen der Lehrer in der Umgebung von Kristiansand. Dies geschah immer zur Nachtzeit. Eine andere wichtige Aufgabe war, die illegale Zeitung „Handschlag“ zu verteilen. Diese wurde von norwegischen Flüchtlingen in Schweden und schwedischen Norwegenfreunden gegründet. Die Auflage der Zeitung lag bei 14.000 Exemplaren. Jeden 14. Tag wurde sie von Kurieren von Stockholm nach Oslo gebracht.
Musste sofort verschwinden
Im Sommer 1943 wohnten sie und ihr Ehemann Öyvind auf einem kleinen Bauernhof in Sögne. Eines Tages kam ein Mann auf dem Fahrrad daher und erzählte, dass Bie Lorentzen sofort verschwinden und in Deckung gehen müsse. Einer der Hauptleute in der Gruppe war verhaftet und ins Kristiansand Kreisgefängnis gesteckt worden.
Zusammen mit einem norwegischen Gefangenenaufseher war es ihnen gelungen zu flüchten. In aller Eile hatten sie sich auf dem Fahrrad aus dem Staube gemacht. Es wurde ausdrücklich gesagt, dass Frau Bie Lorentzen nicht mit bleiben könne. Es war bisher nicht vorgekommen, dass eine schwangere Frau, wenn sie verhaftet wurde, nicht wieder frei kam.
Zwei Tage später fuhr Henriette Bie Lorentzen nach Kristiansand rüber, um die illegalen Dokumente und Geldzettel, die im Bauch eines gehamsterten Trockenfisches lagen, loszuwerden. Sie musste übernachten. Abends läutete es an der Haustür. Gestapo, dachte sie. Glücklicherweise zeigte es sich, dass der Gast ein Norweger war. Er erzählte, dass er augenblicklich in Deckung gehen müsse. Er würde von der Gestapo gesucht. Früher hatte er mit Öyvind Bie Lorentzen verabredet, dass er sich, wenn es notwendig war zu verschwin¬den, an seine Familie wenden könne. Jetzt war die Stunde gekommen.
Was sollte sie nur machen? Sie rief über Telefon eine Freundin an. Nach einer Weile bekam sie die Nachricht, dass das „Paket“ im Laufe des Abends abgeholt werden würde. Und so sassen sie und der Fremde da und redeten und redeten, um nicht zu zeigen wie ängstlich sie waren. Was würde die Zukunft bringen? Um zwei Uhr nachts klingelte es dann endlich an der Tür. Der Gast verschwand.
Im Buch „Wir wählten, was wir nicht kannten“ berichtet sie über ihre Verhaftung.
„Um sieben Uhr am nächsten Morgen läutete es an der Tür. Bevor ich die Tür geöffnet hatte, wurde sie aufgebrochen. Zwei Gestapoleute kamen mit gezogenen Revolvern auf mich zu. Sie fragten, wo Öyvind sei, und ich antwortete was mir gesagt wurde, dass er sich auf einem Bauernhof im Setesdal zum Angeln aufhält. Sie durchwühlten die ganze Wohnung, nahmen alle Bücher aus den Regalen und rissen die Bilder von den Wänden. Und hinter einem Stuhlrücken fanden sie ein Exemplar „Handschlag“.
Daraufhin wurde ich ins Arkivet gefahren. Ich wurde sofort verhört. Der, der mich verhörte, war der berüchtigte Lipicki. Zugegen war auch der norwegische Folterknecht Wehus. Ich verriet sofort, dass ich schwanger war. Ein deutscher Arzt wurde geholt. Ich wurde untersucht. Er bestätigte meine Aussage. Trotzdem wurde ich gefoltert und gepeitscht.“
Ein Kissen über den Mund
Obgleich sie nur mit einem leichten Sommerkleid bekleidet war, wurde sie auf dem Magen über einen Stuhl gelegt. Lipicki schlug mit einem ungefähr einen Meter langen Stock in drei Serien von fünf/sechs Schlägen auf sie ein. Ole Wehus war allerdings so „galant“, dass er ein Kissen über ihren Mund hielt, um ihre Schmerzensschreie abzudämpfen. Das verschärfte Verhör dauerte ungefähr zwei Stunden.
Ich bin mir ganz sicher, dass ich etwas verraten hätte, wenn ich gewusst hätte, wonach sie fragen würden: Versteck und Büro der illegalen Gruppe zu der auch Öyvind gehörte, erklärte sie als Zeuge im Prozess gegen den Staatspolizisten Ole Wehus.
Glücklicherweise wusste sie die Antwort nicht.
Nach dem Verhör wurde sie in eine Zelle im Arkivet gesteckt. Das war ein fürchterliches Erlebnis, besonders, weil sie nicht vermeiden konnte, die Schmerzensschreie der anderen Gefangenen, die gefoltert wurden, zu hören. So sass sie da und graute sich vor neuen Verhören. Und neue Verhöre kamen. Insgesamt fünf.
Nach acht Tagen im Arkivet wurde Henriette Bie Lorentzen ins Kreisgefängnis überführt. Dort bekam sie den illegalen Bescheid, dass der Ehemann sicher nach Schweden gekommen war. - Es war Trost und Hilfe zu wissen, dass die Kinder einen Vater hatten, der in Sicherheit war, bemerkt sie.
Nach einigen Tagen im Kreisgefängnis wurde Henriette Bie Lorentzen auf dem Bahnhof Kristiansand auf den Zug gesetzt. Der nächste Stopp war Oslo. Dort kam sie am 24. August 1943 an.
Durfte nicht stricken
Henriette Bie Lorentzen berichtet weiter:
„Nach einigen Monaten Aufenthalt im Grini-Lager bei Oslo wurde ich in eine Einzelzelle in der Möllergaten 19 gesperrt. Mit Hilfe eines schwer zu erlernenden Klopfsystems (das Morsealphabet konnten wir nicht) bekamen wir Kontakt zu den Nachbarzellen. Ich fand heraus, dass ich die einzige Gefangene war, die in Einzelhaft war. Die anderen sassen zu zweit. Ich beneidete sie unheimlich! Ausserdem durften sie arbeiten. Die Frauen strickten. Meine Verzweiflung war grenzenlos, weil ich als so gefährlich angesehen wurde, dass ich nicht einmal Strümpfe für die deutschen Soldaten stricken durfte!
Einige Tage nach meiner Ankunft in der Möllergaten wurde ich zum Verhör auf die Victoria Terrasse, Gestapos Hochburg, geholt. Die Gestapoleute, die mich verhörten, erzählten mir schadenfroh, dass ich mein Kind in der Zelle gebären müsse und, dass das Kind gleich nach der Geburt nach Deutschland, in ein deutsches Kinderheim, gebracht werden würde. Da kam bei mir der Zweifel auf. War meine Wahl richtig gewesen? War das bisschen, das ich an der illegalen Arbeit teilgenommen hatte es wert, dass mein Kind dieses Schicksal erleiden sollte?
Ich dachte aber auch: Ist es nicht besser, wenn dieses Kind nicht zur Welt kommt? Nicht geboren wird? Mehrmals versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Ich kletterte auf den Tisch und stürzte mich hinunter, um meinen Schädel zu zertrümmern. Aber ich landete immer wieder auf den Füssen. Ich war wohl nicht mutig genug.
So an einem Tag geschah etwas. In die Zelle hinein kam ein breitschultriger, stattlicher Mann in deutscher Wehrmachtsuniform. Er setzte sich auf die Pritsche und sagte: Ich bin Österreicher, ich bin Arzt, ich bin ein Mitmensch. Er erzählte, dass er beordert wurde, das Kind in der Zelle entgegen zu nehmen. Er hatte es abgeschlagen. Er war Militärarzt und hatte noch niemals Geburtshilfe geleistet. Jetzt hatte er bewirkt, dass ich, wenn der Zeitpunkt für die Geburt da war, in ein Kriegslazarett gebracht werden sollte. Niemand durfte wissen, wo ich war. Betrübt fügte er hinzu, dass das Kind gleich nach der Geburt nach Deutschland gesendet werden sollte.
Er nahm meine Hand und sagte: „Denk daran, ich bin ein Freund.“
Schokolade am Heiligabend
Henriette Bie Lorentzen erfuhr, dass der Mann Dr. Hauer hiess. Mehrere Male kam er auf Besuch. Am Heiligabend hatte er ein Päckchen Schokolade dabei. - Das ist von meiner Frau in Wien; aber erzählen Sie das keinem, unterstrich er ernsthaft. Der freundliche Arzt sorgte ausserdem dafür, dass sie einen Zellenkameraden bekam, so dass sie nicht mehr alleine zu sein brauchte.
Am 27. Januar 1944 wurde Henriette Bie Lorentzen in der Grünen Minna zum Akers Kriegslazarett gefahren. Sie bekam ein Bett in einem Krankenzimmer. Zwei deutsche Soldaten bewachten sie. Ein arroganter deutscher Arzt tauchte auf und sagte: Natürlich gerade heute Abend, an dem ich zu einer Party gehen wollte, müssen Sie ein Kind kriegen. Ich muss mit meinem Leben als Einsatz dafür sorgen, dass Sie sich während der Geburt nichts antun, sagte er.
Jetzt verstand sie, warum zwei deutsche Soldaten Wache über sie hielten.
Der Arzt untersuchte sie und kam mit folgender er drückenden Aussage: Dieses Kind hat aber keinen Kopf. Als das Kind unmittelbar nach der Geburt weggetragen wurde, und die Mutter des Kindes den kleinen schwarzhaarigen Kopf sah, rief sie: Das Kind hat ja einen Kopf. Der deutsche Arzt fauchte arrogant zurück:
„Irren ist menschlich“. Dann verschwand er.
Am nächsten Morgen kam die Gestapo, um sie zu verhören. Gleichzeitig kam Dr. Hauer. Als Arzt konnte er der Gestapo untersagen, das Krankenzimmer zu betreten. Das Verhör wurde ausgesetzt. Aber der Schrecken vor neuen Verhören liess sie erlahmen. Sie wollte es überstanden haben. Dr. Hauer hatte einen höheren Dienstgrad als der Entbindungsarzt. Er sagte, dass sie das Neugeborene zu sehen bekommen sollte. Es war ein Mädchen. Man erlaubte ihr, das kleine Baby eine halbe Stunde behalten zu können. Danach trugen sie es fort.
Sie glaubte, es war für immer.
Das Kind um 10 Uhr abholen
Henriette Bie Lorentzen berichtet weiter, wie es mit dem Kind ging:
„Dr. Hauer setzte sich neben dem Bett auf einen Stuhl, nahm meine Hand und sagte: ‚Ich habe endlich gewonnen. Das Kind soll zu seiner Familie kommen.’ Wie es ihm gelungen war, dies zu erreichen, habe ich niemals erfahren können. Ich weiss aber, dass er am gleichen Tage meine Schwester anrief und ihr sagte, dass sie am nächsten Tag um elf Uhr das Kind im Akers Kriegslazarett abholen könne und fügte hinzu: ‚Aber seien Sie um 10 Uhr da. Ich wiederhole genau 10 Uhr.’
Als ich am nächsten Tag 10 Uhr, flankiert von zwei Gestapoleuten, durch die Pforte des Akers Kriegslazaretes gefahren wurde, sah ich ein Taxi, das draussen wartete. In ihm sass meine Schwester mit einem Babyschlafsack im Schoss. Auf die Art und Weise bekam ich die Gewissheit, dass mein Kind gerettet war. Ich weiss, was ich Dr. Hauer schuldig bin. Er lebt in meinen Gedanken, in meinem Sinn.
Mein Bild von Dr. Hauer wird niemals verwischt werden, obgleich er in deutscher Wehrmachtsuniform war. Die Uniform des Feindes.“
Am 5. April 1944 wurde Henriette Bie Lorentzen nach Deutschland transportiert. Sie landete in dem grauenvollen Frauenlager Ravensbrück nördlich von Berlin. Erst als sie dort ankam und die ausgehungerten, armseligen und verkommenen Kinder sah (zu der Zeit waren dort 400 von ihnen), verstand sie, wie viel Glück sie eigentlich gehabt hatte, ihr neugeborenes Baby nicht hierher mitbringen zu müssen.
- Während des gesamten Aufenthalts in Ravensbrück weinte ich jedes Mal, wenn ich diese armen, zerlumpten, dreckigen und hungrigen Kinder mit ihren grossen Augen bei irgendeinem Spiel sah. Kein einziges Lächeln, niemals Gelächter, berichtet Henriette Bie Lorentzen.
Nach dem zermürbenden Aufenthalt in Ravensbrück kam sie nach dem Frieden 1945 wieder nach Norwegen zurück.

